Wir müssen nur fest dran glauben

In einer Zeit, in der Instagram voller motivational speaker wie Gary Vaynerchuk (@garyvee) ist und Produktivität, Leistungssteigerung und ständige Selbstoptimierung im Trend sind, stoße ich immer wieder über Zitate wie:

„Du kannst alles erreichen, wenn du nur fest genug daran glaubst.“

Ein Portrait von René Schaar. Vor dem Gesicht eine Textnachricht, die sagt: „Du kannst alles erreichen, wenn du nur fest genug daran glaubst.“

So wichtig es ist, dass man sich weiterentwickelt und Ziele setzt, so falsch ist es – insbesondere bei Menschen mit Behinderung – an ihre Motivation zu appellieren.

What doesn’t kill you makes you stronger

Denn behinderte Menschen sind von Barrieren umgeben: In den Köpfen ihrer Mitmenschen, in Form von fehlenden Rampen oder nicht genügend Gebärdensprachdolmetscher*innen im Land. Dann zu sagen: „Du hast es einfach nicht stark genug probiert.“ oder eine Floskel rauszuhauen wie: „What doesn’t kill you makes you stronger“ schiebt den schwarzen Peter, die Verantwortung und den Druck für ein erfolgreiches, produktives Bilderbuch-Leben dem einzelnen, behinderten Menschen zu, obwohl es an der Gesellschaft wäre diese Zustände zu verbessern und ignoriert die individuellen Fähigkeiten komplett.

Chancengleichheit aller

Gleichzeitig ist es aber genauso richtig, dass behinderte Menschen alles erreichen können. Denn unter den behinderten Menschen sind sicher einige dabei, die seit ihrer Kindheit das Talent und unterstützende Umfeld hatten und die Förderung und Liebe erhielten, um heute tatsächlich große Dinge bewirken zu können. Diesen Menschen zu sagen: „Nee, lass mal bleiben. Du schaffst es sowieso nicht, schließlich bist du behindert.“, wäre dumm und fahrlässig. Doch sind Begabung, Bildung, Sozialisation und Familie allesamt externe Faktoren. Niemand kann etwas für seine*ihre Ausgangslage. So sollte es die oberste Aufgabe der Politiker*innen sein für eine Chancengleichheit aller Menschen zu sorgen und damit direkt bei den Kindern anzufangen.

Dann sorgt man halt selbst für die Lösung

Ich selbst bin unglaublich dankbar für meine Kindheit, meine Familie und Mentoren, von denen mich bereits einige auf meinem Weg begleiteten. So lebte ich seit jeher ganz selbstverständlich mein Recht auf Teilhabe und ließ mich nicht aufhalten bei den großen Themen wie Selbstverwirklichung, Ausbildung, Job und Beziehung. Und wenn ich auf ein Problem stieß, sorgte ich einfach selbst für die Lösung. Schließlich konnte ich ja nicht auf ein grundlegendes Umdenken in der Gesellschaft warten oder hoffen, dass sich behindernde Strukturen zeitnah in Wohlgefallen auflösen würden.

Warum ist das nicht umgekehrt?

In der letzten Zeit beobachte ich bei mir allerdings einen Wandel: Immer öfter sehe ich es gar nicht mehr ein mehr Energie zu geben als andere, nur um Barrieren in den Köpfen meiner Mitmenschen zu durchbrechen und Annahmen zu widerlegen. Warum bin ich derjenige, der einen Schritt auf die Gesellschaft zugehen muss. Warum ist das nicht umgekehrt? Wir haben bald das Jahr 2020 und sind noch immer mit den Basics beschäftigt:

  • Ich wünsche mir Chefs und Menschen in Machtpositionen mit Behinderung.
  • Ich wünsche mir, dass bauliche Barrierefreiheit vom ersten Planungsschritt an mitgedacht wird. Auch bei Bauherren aus der Privatwirtschaft!
  • Ich wünsche mir von Geburt an eine gerechtere Verteilung von Chancen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir jungen behinderten Menschen heute durch das Leben gehen, bringt uns all diesen Zielen näher. Aber ich frage mich: Wo bleibt der groß angelegte, institutionalisierte Wandel in der Gesellschaft? Worauf warten wir? Die Gesellschaft ist bunt. Warum sind es nicht die Chefetagen? Warum ist es nicht die Architektur? Warum keine Teilhabe und warum nicht jetzt?

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Nach oben scrollen