Meine Geschichte

René zeigt seinen fehlgebildeten Arm.
„Die Behinderung ist ein Merkmal von ganz vielen, die mich ausmachen. Sie definiert nicht mein ganzes Leben.
Das würde ich niemals zulassen.“
René Schaar
Einer der Mutanten

René selbst wurde mit dem sogenannten Poland-Syndrom geboren. Außerdem ist sein rechter Arm nicht voll ausgebildet, genauso wie seine Schulter- und Brustmuskulatur. Er sieht seine Behinderung als einen selbstverständlichen Teil seines Lebens. Der 28-Jährige lebt in Hamburg, schneidet als Cutter Beiträge für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) und setzt sich als Personalrat ehrenamtlich für seine Kolleg*innen ein.

René Schaar wurde 1992 in Pinneberg, nordwestlich von Hamburg, geboren. Aufgewachsen zwischen den Dörfern Kummerfeld und Borstel-Hohenraden ist er von seiner alleinerziehenden Mutter behütet aufgezogen worden. Schon früh bekam er mit, dass Geld ein rares Gut und Menschen oft unglücklich in ihren Berufen waren. So fasste er den Entschluss alles daran zu setzen nicht zu werden wie die verbitterten alten Menschen. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis René fand, was ihm Freude bereitete und gleichzeitig gutes Geld einbrächte.

1998 wurde René in Pinneberg-Nord eingeschult – auf eine reguläre Grundschule. Dort erlebte er eine glückliche Zeit unter Freunden, manche davon kannte er bereits aus dem Kindergarten. Und auch die Behinderung war nur selten Thema: Wenn, dann aber meistens zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Neu in Kindergarten, Grundschule, Gymnasium oder später der Oberstufe? Stets gab es eine Schulstunde, in der René den jeweiligen Mitschüler*innen seine Behinderung erklärte und Hilfsmittel, Prothesen und Röntgenbilder mitbrachte, die neugierig begutachtet wurden. Traf René auf neue Lehrkräfte, machte er sie mit einer seiner Grundregeln vertraut:

„Ich komme alleine klar.
Sollte ich doch einmal Hilfe brauchen,
schrei‘ ich einfach.“

Diese Praxis hat René ins Berufsleben übernommen. Einfach in die Offensive gehen und die Behinderung einmal deutlich ansprechen, um dem Gegenüber die Angst zu nehmen und gleichzeitig die Chance zu geben, offene Fragen zu klären – das kompensiert sehr effektiv Unsicherheiten.

2007 kam ein ehemaliger Radiomoderator als Lehrer an Renés Gymnasium und gründete „Radio Pinneberg“. Der damals 15-jährige René war von der Möglichkeit fasziniert selbst Radio zu machen und trat der Arbeitsgemeinschaft bei. Ab dann traf er sich wöchentlich außerhalb der Schulzeit in den Redaktionsräumen und sendete erste eigene Beiträge in der einstündigen, live produzierten Jugendradio-Sendung, die seit über 13 Jahren immer dienstags im Offenen Kanal läuft. Hier sammelte er erste Erfahrungen in Recherche und Aufbau einer Geschichte, der Produktions- und Sendetechnik sowie in der Stimmbildung.

Das Interesse an Medien(politik) wuchs und es folgten mehrere Redaktionsbesuche bei BILD, R.SH und N-JOY sowie Praktika und einer freien Mitarbeit bei einer Lokalzeitung. Im Laufe der Zeit engagierte René sich zunehmend in den Vereinen der Jugendpresse im Norden und gab sein Wissen in Workshops weiter. Bis zu seinem Abitur 2011 leitete René eine eigene Jugendradio-Redaktion mit 15 jüngeren Schüler*innen, doch blieb auch danach noch aktives Mitglied der Jugendpresse. 2016 leitete er hauptverantwortlich Norddeutschlands größtes Jugendmedien-Seminar, den Jugendpressefrühling mit 120 Teilnehmer*innen. Danach schloss René dieses Kapitel und überließ jüngeren Vereinsmitgliedern das Feld.

René führte gegen Ende seiner Schullaufbahn zahlreiche Gespräche mit Autor*innen und Reporter*innen verschiedener Medienhäuser. Dabei verfestigte sich bei ihm der Eindruck, dass viele dieser Menschen zwar eine Geschichte zu erzählen hatten, aber nicht wussten, wie sie eben diese produktionstechnisch am Besten zur Geltung bringen konnten. René wollte sich einerseits nicht auf dem hart umkämpften freien Markt beweisen müssen und sich andererseits erstmal produktionstechnisch bilden, bevor er eine journalistische Karriere anstrebt. Gleichzeitig wollte er im Norden bleiben.

Kurz vor seinem Abitur schickte René eine einzige Bewerbung ab, adressiert an den NDR, für eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild/Ton. Von damals fast 1.000 Bewerbungen, die den NDR erreichten wurden 200 junge Menschen zum Bewerbungstest und schließlich 60 zum Bewerbungsgespräch eingeladen. René wurde einer von 25 Auszubildenden Mediengestalter*innen des Jahrgangs 2011. In dieser Ausbildung lernte er über 3 Jahre hinweg wie man Beiträge für Radio, Fernsehen und Online produziert. Gerne erinnert er sich an besondere Momente wie die Nachtschichten beim Reeperbahn Festival auf der 20. Etage der Tanzenden Türme über dem Spielbudenplatz, als er und seine Mitauszubildenden noch während die Konzerte liefen Musikvideos geschnitten haben. 

Nach seiner Ausbildung wurde er 2014 übernommen und fing in der Grafik des NDR an. Dort animierte er vorwiegend 3D-Animationen für das Medizinmagazin „Visite“ und sammelte Erfahrungen mit Motion Tracking. 2015 wechselte er in den Schnitt, um näher am Endprodukt zu sein und mehr Kontakt mit Kolleg*innen zu haben. Die Erfahrungen, die René in der Grafik sammelte, kommen ihm bis heute zugute. Gerade vor dem Hintergrund einer Verschiebung der Nachfrage weg von linearen Formaten hin zu Webvideos und YouTube, wo Grafik und Animation einen deutlich höheren Stellenwert haben.

Filme, die René geschnitten hat gewannen u. a.

  • German Paralympic Media Award
  • Helmut-Schmidt-Journalistenpreis
  • State-Street-Sonderpreis für Multimedia
  • Georg von Holtzbrinck-Preis

Deutschland, das Land der Vereine. Nach Renés Erfahrungen in der Jugendpresse mit den Strukturen, Satzungen und Eigenheiten von Vereinen, war er bereit in neue Gefilde vorzustoßen. Geleitet wurde er von der Neugier auf Menschen, die so wären wie er. Ein Glück gibt es ahoi e.V., einen Selbsthilfeverein für Menschen mit Arm- oder Handfehlbildung. Dieser Verein veranstaltet jedes Jahr ein Bundestreffen, zu dem Familien aus ganz Deutschland anreisen – auf der Suche nach Austausch, Gemeinschaft und Orientierung. Ängste abbauen, Fragen beantworten.

Mit 18 Jahren war René das erste Mal beim ahoi e.V. Bundestreffen und ihm war sofort klar, hier wird enormes geleistet: man schafft einen geschützten Raum zum Austausch unter den selbst Betroffenen und baut die Ängste insbesondere frisch gebackener Eltern behinderter Kinder ab. Doch gleichzeitig musste er dem Verein attestieren, dass sämtliche Materialien zur internen Kommunikation genauso veraltet waren wie die Internetseite, die in den 2000ern festzustecken schien. René ließ sich zwei Jahre später in den Vorstand wählen und kümmerte sich fortan um die Öffentlichkeitsarbeit, entwarf ein Logo, führte eine Farbpalette ein und ließ die Internetseite neu programmieren. Seine Arbeit mündete 2017 in einem Beitrag mit anschließendem Studiogespräch bei stern TV, was dem Thema Dysmelie allgemein und dem Verein im Speziellen sehr viel Aufmerksamkeit und neue Mitglieder bescherte.

René schied nach getaner Arbeit 2019 aus dem Vereinsvorstand aus und gründete ein eigenes Projekt. Denn während der Zeit als Vorstand entdeckte René seine Fähigkeit, Menschen mit Behinderung dazu zu motivieren in die Offensive zu gehen: Für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben voller Stolz. Das Projekt „mtnt.co“ soll ihm das losgelöst starrer Vereinsstrukturen ermöglichen.

Nach oben scrollen